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Algerien-Liebhaberin: Bundesverdienstkreuzträgerin Donata Kinzelbach

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Bild1Im Rahmen des 50. Jahrestages der Unabhängigkeit Algeriens freut sich algerien-heute.com seinen Lesern großartige deutsche Persönlichkeiten zu präsentieren, die sich mit dem wunderschönen Land Algerien besonders eng verbunden fühlen. Heute fühlt sich algerein-heute.com sehr geehrt Ihnen zu diesem ehrenvollen Tag die bewundernswerte Frau und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, die höchste deutsche Auszeichnung für herausragende Leistungen von besonders engagierten Bürgern Deutschlands, durch ein Interview vorzustellen.

Donata Kinzelbach wurde 2008 von Bundespräsident Professor Dr. Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz zuerkannt "für über 20 Jahre Vermittlung zwischen Kulturen und Kulturkreisen" (Jens Beutel, Oberbürgermeister der Stadt Mainz). Mit ihrem Verlag ist Frau Donata Kinzelbach die einzige in Deutschland, die sich (seit 1987) auf die Herausgabe von Literatur aus dem Maghreb – also Algerien, Marokko, Tunesien – in deutscher Übersetzung spezialisiert hat. Bislang liegen über 100 Titel vor, hauptsächlich belletristische Werke, aber auch ein Sachbuch über die Situation in Algerien ("Tatort: Algerien") sowie ein Band zum Filmschaffen in Nord- und Westafrika ("Sprachwelten – Bilderwelten“) und ein wissenschaftliches Buch über das Verhältnis der Geschlechter („Geschlechterordnung in Nordafrika“). Zu den bedeutendsten Autoren des Verlages zählen Rachid Boudjedra, Mohammed Dib, Malek Haddad, Mouloud Feraoun, Mouloud Mammeri, Maïssa Bey, Jean Amrouche, Mohammed Khaïr-Eddine, Albert Memmi, Driss Chraïbi und Tahar Ben Jelloun.

Im Herbst 2009 erschien ein Roman des algerischen Autors Aziz Chouaki („Der Sern von Algier“) bei uns in deutscher Übersetzung. Aziz Chouaki (* 1951) gilt als Künstler der französischen Sprache, wie sie in Algier und Paris auf der Straße gesprochen wird. Arabische und Elemente der Berbersprache werden mit verarbeitet. Der Autor besticht durch Sprachgewalt und Ideenreichtum. Man darf ihn zu den kreativsten Autoren der frankophonen Gegenwartsliteratur zählen.

Die Algerierin Maïssa Bey bereichert das Verlagsprogramm seit 2010. Sie ist eine äußerst ambitionierte Autorin, die in ihren Erzählungen „Nachts unterm Jasmin“ die Belange der algerischen Frauen thematisiert und den Unterdrückten, oft um Hoffnung Betrogenen, eine Stimme verleiht. Im WDR5 hieß es, es sei „verwunderlich, dass Maïssa Bey als die algerische Schriftstellerin bislang noch nicht übersetzt worden ist“ (Dina Netz). 2011 erschien nun unter dem Titel „Ausgeblendet“ ein Roman um die Verarbeitung bzw. das „Ausblenden“ des Algerienkrieges.

Und hier ist das sehr interessante und wertvolle Interview mit Frau Donata Kinzelbach:

algerien-heute.com: Frau Kinzelbach! Vielen Dank, dass Sie unser Land Algerien und das Onlinemagazin algerien-heute.com die Ehre geben zu diesem besonderen 50. Geburtstag der Unabhängigkeit Algeriens mit Ihnen ein Interview durchzuführen.

algerien-heute.com: Wenn Sie den Begriff „Algerien“ hören, was fällt Ihnen spontan ein?

Donata Kinzelbach: Tipaza … es ist ein wunderschönes Fleckchen Erde! Das fällt mir spontan ein.

algerien-heute.com: Wann hatten Sie zum ersten Mal von Algerien gehört und in welchem Zusammenhang? Haben Sie persönliche Beziehungen zu Algerien?

Donata Kinzelbach: Ich glaube, dass ich erst recht spät von Algerien hörte, als ich mich mit Albert Camus, Frantz Fanon und Albert Memmi beschäftigte, letztere sind die großen Forscher auf dem Feld der Kolonisierung, aber vielleicht nicht jedem bekannt. Persönliche Beziehungen habe ich erst später aufgebaut.

algerien-heute.com: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, nordafrikanische Literatur ins Deutsche zu übertragen? Und was waren die Beweggründe dazu? Kann man davon überhaupt leben?

Donata Kinzelbach: Es fing eher zufällig an, als eine Art Spaß für mich selbst. Ich verlegte einige Bücher, die mir sehr wichtig schienen (Jean Amrouche, Fadhma Aïth Mansour Amrouche, Malek Haddad). Das hat sehr viel Freude gemacht, aber auch sehr viel Geld verschlungen. Alle erklärten mich für verrückt … Aber daraus kann ja positive Energie erwachsen! Ob man davon leben kann? Wenn man bescheiden ist, ja. Neben meinem Einkommen erfahre ich eine sehr große Befriedigung darüber, das machen zu dürfen, was mir wirklich am Herzen liegt. Das ist ein unermesslicher Luxus, der mehr wiegt als alles Geld der Welt!

algerien-heute.com: Wie oft waren Sie schon Mal in Algerien und wann waren Sie das letzte Mal dort? Und was für Eindrücke haben Sie bezüglich der Entwicklung des Landes dort mitgenommen? bzw. was haben Sie dort erlebt?

Donata Kinzelbach: Seit 2007 versuche ich, mindestens einmal pro Jahr Algerien zu besuchen. Zum ersten Mal hatte ich eine Reise in den 90er Jahren geplant, Visum und Ticket hatte ich in der Tasche, aber dann gab es am Vortag meiner Reise die Explosion auf dem Flughafen von Algier. Darauf folgten die Schwarzen Jahre und es dauerte bis 2007, bis ich endlich Algerien besuchen durfte! Damals empfand ich das Land in einer Anspannung, überall Posten, was Sicherheit gab, aber auch verunsicherte. Von Jahr zu Jahr fand ich Algerien dann entspannter, die Straßencafés waren wieder geöffnet, fanden reichlich Zuspruch, Blumenverkäufer fand man wieder – das Leben hatte sich Algier rückerobert! Es gab sogar einen Stadtmarathon, als Art Demonstration der Sicherheit und Freiheit!

algerien-heute.com: Sie sind 2008 mit der höchsten Auszeichnung in Deutschland geehrt worden, mit dem Bundesverdienstkreuz für Ihr 20-jähriges Engagement für die Vermittlung zwischen Kulturen und Kulturkreisen? Herzlichen Glückwunsch nachträglich! Sie sind damit eine der ehrenvollsten Menschen in Deutschland. Haben Sie von einem nordafrikanischen Land, Algerien, Tunesien oder Marokko auch eine soche hohe Auszeichnung für Ihre Leistung bekommen? Und, wenn Ja, welche, von welchem Land und wann? …

Donata Kinzelbach: Das Bundesverdienstkreuz war eine große Anerkennung für mein Engagement – obwohl meine Autorinnen und Autoren die wahren Helden sind! Von einem der Maghreb-Staaten bin ich noch nicht ausgezeichnet worden, auch hatte ich erstaunlicherweise noch nie eine Einladung nach Marokko. Durch meine Aufenthalte in Algerien und den persönlichen Kontakt dort zu geliebten Freunden ist meine Beziehung zu Algerien dann auch besonders tief.

algerien-heute.com: Wie würden Sie die algerische Literatur von der anderen nordafrikanischen unterscheiden? Sehen Sie da Unterschiede und, wenn Ja welche und vielleicht warum?

Donata Kinzelbach: Die algerische Literatur unterscheidet sich meines Erachtens schon von der der Nachbarländer – es ist geografisch betrachtet ja auch eine riesige Fläche. Algerien war sehr lange von den Franzosen besetzt und die Algerier tragen ein großes Trauma mit sich. Außerdem führte die Kolonialisierung zu einer Identitätskrise, einer lebenslangen Suche nach dem eigenen Ich. In diesem Ausmaß findet man diese Verletzungen in den Nachbarländern nicht, da hier die Kolonialzeit weniger lange andauerte und auch weniger dramatisch verlief. Das erklärt, weswegen in der algerischen Literatur bis auf den heutigen Tag der Themenkomplex „Kolonialisierung“ Niederschlag findet. So thematisiert auch die Algerierin Maïssa Bey in ihrem Buch „Ausgeblendet“ eben jene unaufgearbeitete Vergangenheit – die einfach „ausgeblendet“ wird. Übrigens sprach man bezeichnenderweise auf Seiten der Franzosen von den „Zuständen in Algerien“ …

algerien-heute.com: Planen Sie auch Kulturreisen nach Algerien? Und, wenn Ja, wann gibt es die nächste Reise und wie ist der Ablauf usw.?

Donata Kinzelbach: Gerne würde ich im nächsten Jahr eine literarische Kulturreise durch Algerien veranstalten. Algier und Tipaza müssten auf dem Ablaufplan stehen, und die Kabylei!

algerien-heute.com: Kontakte zu Kulturkreisen und Botschaft: Kann man als Ausländer gute Kontakte zur algerischen Kulturkreisen leicht aufnehmen oder eher schwierig? Und wie könnte man diese Kontakte noch effizienter gestalten?

Donata Kinzelbach: Durch Internet und Facebook sind wir alle eigentlich ständig in potenziellem Kontakt. Das ist gut, kann aber den direkten Kontakt, den Handdruck und den Blick in die Augen nicht ersetzen! Von einer Umarmung ganz zu schweigen ...Nach meinen Erfahrungen sind die Algerier sehr offen für Kontakte, allerdings sind viele mit der Bewerkstelligung ihres Alltags völlig absorbiert und finden wenig Zeit für solchen Luxus des Austauschs. Internationale Kongresse können hier unendlich wichtige Brücken schlagen, ebenso natürlich die Goethe-Institute vor Ort. Wenn es erst eine persönliche Begegnung gab, kann diese dann auch über Distanz gepflegt werden!

algerien-heute.com: Planen Sie neue Übersetzungen aus dem Algerischen ins Deutsche und, wenn Ja, welche?

Donata Kinzelbach: In Vorbereitung ist ein weiteres Buch von Malika Mokeddem („Suche auf See“). In diesem maritimen Roman – er spielt hauptsächlich auf See – verbindet die Autorin gekonnt den Erzähl-Plot mit politischen Ereignissen, die sie wie zufällig einflechtet. Und gerade habe ich die Rechte erworben für den Roman von Yahia Belaskri „Si tu cherches la pluie“. Es geht also weiter!

algerien-heute.com: Was veranlasst eine deutsche Verlegerin dazu, sich auf Literatur aus dem Maghreb zu spezialisieren?

Donata Kinzelbach: Die Literatur aus dem Maghreb ist sehr facettenreich und die Autoren haben bewegte Biografien - denken wir nur an die Kolonialzeit und die damit einhergehende Identitätssuche - und damit einen reichhaltigen Fundus, aus dem sie schöpfen können.

algerien-heute.com: Der Verlag besteht nun bereits seit 25 Jahren, was ist das Erfolgsrezept?

Donata Kinzelbach: Der Buchmarkt ist hart umkämpft, jedes Buch muss sich neu am Markt seinen Platz erstreiten, das ist anstrengend. Aber da ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe, merke ich oft (fast) gar nicht, wie viel ich arbeite. Aber aufzugeben, das kommt für mich nicht in Frage. Der literarische Maghreb ist einfach meine Passion!

algerien-heute.com: Nur der literarische?

Donata Kinzelbach: Nein, natürlich nicht! Ich liebe Algerien und ich habe dort ganz großartige Menschen kennen gelernt, die auch mein Leben beeinflusst haben. Und ich durfte viel von der Mentalität lernen.

algerien-heute.com: Inwiefern?

Donata Kinzelbach: Einfach mal die deutsche Korrektheit vernachlässigen zugunsten von Kreativität und Fantasie. Wir Deutschen machen es uns oft schwer, etwas mehr Leichtigkeit im Alltag würde ich begrüßen. Und etwas mehr Fröhlichkeit! Mit den algerischen Frauen kann man doch wunderbar lachen! Aber ich sehe nicht alles nur positiv: nur, das Negative können wir durch Taten vielleicht verändern, durch zur Schau getragene schlechte Laune mit Sicherheit nicht.

algerien-heute.com: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten ...

Donata Kinzelbach: Ich würde Algerien gerne auf einem guten Weg sehen in Richtung Freiheit und Demokratie. In den 90er Jahren habe meine Freundinnen und Freunde in Algerien sehr gelitten. Zum 50-jährigen Tag der Unabhängigkeit wünsche ich dem Land ein friedliches Miteinander aller Algerierinnen und Algerier.

algerien-heute.com: Ein Grußwort zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit von Algerien

Donata Kinzelbach: Zum 50-jährigen Tag der Unabhängigkeit wünsche ich dem Land ein friedliches Miteinander aller Algerierinnen und Algerier! Außerdem hoffe ich, dass eine Umverteilung des Wohlstands im Land oder zumindest eine Teilhabe daran allen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht!

algerien-heute.com: Vielen Dank Frau Kinzelbach für dieses Interview, wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg.

Für mehr Informationen über den Verlag der Bundesverdienstkreuzträgerin, Frau Donata Kinzelbach finden hier: Verlag Donata Kinzelbach

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