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Rachid Khelifati: Ein Erfinder und Wissensträger der vergessenen algerischen Diaspora in Deutschland und im deutschsprachigen Raum

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Hamid Berrahma photoAutor: Abdelhamid Berrahma: AH-Redaktion für Kultur, Sport und Wirtschaft

Ehem. USM Algier-Spieler (1. Liga) und Trainer der algerischen Fußballmannschaft in Berlin 

Dipl.-Ing. Berrahma ist Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Algerischen Kulturvereins e.V. in Berlin

 

Rachid Khelifati 1Rachid Khelifati, ein algerischer Erfinder

Ein algerischer Ingenieur in Berlin erfindet und patentiert "die Stellvorrichtung zumindest einer Klappe in einer Verbrennungskraftmaschine" - Un ingénieur algérien de Berlin fait une invention dans le domaine des moteurs à combustion tout en étant le partenaire direct de Peugeot et Renault.

Die erste Generation der algerischen Auswanderer, vor und nach der Unabhängigkeit, bestand im Wesentlichen aus Arbeitern im Dienstleistungsbereich und Hilfsarbeitern in der Industrie, hauptsächlich in Frankreich und Belgien.

Diesbezüglich stellt das heutige vereinte Deutschland eine Ausnahme dar. Denn die Mehrzahl der Algerierinnen und Algerier, die damals zur BRD und zur DDR kamen, waren es junge Studentinnen und Studenten, die von der damaligen algerischen Regierung ein Stipendium zwecks Studiums in Europa erhielten. Sie alle hatten damals den Ehrgeiz und den Wunsch, nach ihrem Studium in ihrem neu gewonnenen jungen Land, freies Algerien, zu arbeiten und bei seiner Entwicklung zu helfen. Davon träumten sie alle, damals und heute noch. Das war ihr Lebenstraum.

Die zentrale Frage heute lautet: Schaffen sie ihren Lebenstraum noch in ihrer Lebenszeit zu realisieren? Oder müssen sie diese wichtige Aufgabe an ihre Kinder und Kindeskinder weiter geben?

Khalifati Patent 3Der Erfinder Rachid Khelifati

Algerien Heute startet heute eine neue Artikelserie über die vergessene algerische Diaspora im deutschsprachigen Raum. Ich porträtiere heute einen algerischen Entwicklungsingenieur in der Automobilindustrie, der seit 1970 in Berlin lebt. Seinen Werdegang fand ich ziemlich interessant, denn er gleicht meinem wie angegossen:

1970, Studium an der Uni Algier (Facultés d´Alger), parallel zu meiner Karriere als 1-Liga-Spieler bei USMA, 1974 Studium an der Technischen Fachhochschule Berlin (TFH) und dann an der Technischen Universität Berlin (TU). Dasselbe wie ich.

Rachid Khelifati, Jahrgang 1949, hat seine Grund- und Hauptschule in der École (Grundschule) bzw. CEG (=~Realschule) Caussemille / Hamma-Belcourt in Algier absolviert.

Nach dem BEG-Abschluß (Brevet d'Enseignement General =~ Realschulabschluß) ging er 1966 ins Gymnasium: Lycée El-Idrissi / Champs de manœuvre in Algier.

1969 hat er sein Baccalauréat (Abitur mit Mathe-Schwerpunkt), BAC-Math-Elem mit „ Gut“ bestanden.

Übrigens im Lycée El Idrissi war in diesen Jahren auch der Ex. Regierungschef, Ahmed Ouyahia, Gymnasiast, der 1972 sein Abitur BAC es Lettres (Schwerpunkt: Literatur/Sprache) bestanden hatte.

Heute ist Ahmed Ouyahia vom Präsidenten Abdelaziz Bouteflika beauftragt, die Gespräche und Konsultationen für eine grundlegende Änderung der algerischen Verfassung in seinem Namen zu führen (AH hat darüber Juni 2014 berichtet).

1970 studiert Herr Khelifati ein Semester MPC (Mathematik- Physik - Chemie) an der Fakultät der Naturwissenschaften der Algier-Universität (Fac d´Alger).

Oktober 1970 kam die Einreise zwecks Studiums nach West-Berlin (BRD).

Herr Khelifati studierte zuerst an der Technischen Fachhochschule Berlin,

Rachid Khelifati 1Abschluss: Ingenieur in Maschinenbau/Konstruktion,

dann an der Technischen Universität Berlin,

Abschluss: Dipl.-Ingenieur in Kraftfahrzeugtechnik

Aufbaustudium zwecks Promotion: Abgasreinigungstechnologien (aus finanziellen Gründen abgebrochen), sonst wäre er Heute Dr.-Ing.-Ing. Khelifati.

In den 80er Jahren nahm er seine Tätigkeit als Entwicklungsingenieur bei Pierburg, eine Tochtergesellschaft der Automotivesparte des Rheinmetallkonzerns, auf.

Rheinmetall baut gerade ein Werk für den deutschen Fuchs-Panzer in Constantine (Algerien).

Herr Khelifati wurde 1991 Stellvertretender Teamleiter in der Entwicklung / Konstruktion für Komponenten zur Luftversorgung von Kraftfahrzeugmotoren und Ansprechpartner in Konstruktionsfragen für die französischen Kunden bzw. Partner Renault und PSA (Peugeot & Citroen) in Frankreich.

1991-1996 war Herr Khelifati Zuständig für die Konstrukteur des kompletten Drosselklappenstutzens für die Fahrzeuge Megane und Clio von Renault sowie für das Fahrzeug Peugeot 205 S2, die dann in den 90er Jahren in Serie gingen

Khalifati Patent 1

Khalifati Patent 2

Rachid Khelifati 12005-2006 erfand Herr Khelifati mit einem Kollegen japanischer Herkunft einen „Deckel mit umspritzten stromleitenden Stanzgitter als Scharnier für eine Stellvorrichtung zur Verstellung zumindest einer Klappe in einer Verbrennungskraftmaschine“ für das Luftansaugsystem eines Kraftfahrzeuges. Aus dieser Erfindung wurde 2006 ein Patent beim Deutschen Patentamt und 2007 beim Europäischen Patentamt sowie bei United States Patent Application angemeldet.

Das Patent des algerischen Erfinders Khelifati wurde in der Bundesrepublik Deutschland, Europa und in den USA erteilt.

 

 
Kurzes Interview mit Erfinder Rachid Khelifati

Bei einem Treffen mit dem algerischen Erfinder, Herrn Rachid Khalifati, in Berlin konnte ich ihm folgende Fragen stellen. Seine Erfindungsskizze kann AH aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlichen.

AH Khelifati Berrahma 1AH Khelifati Berrahma 2

Fotos oben links: Erfinder Rachid Khelifati zeigt AH (Berrahma) wie man mit CATIA umgeht, Foto oben rechts: Interveiw mit dem Erfinder Khelifati

CATIA: Computer Aided Three-Dimensional Interactive Application) ist ein CAD-Programm, das heute professionelle und leistungsfähige Ingenieure beherrschen müssen.

AH (Algerien Heute, Abdelhamid Berrahma): Was ist ein Drosselklappenstutzen?

Erfinder Rachid Khelifati:

Ein Drosselklappenstutzen ist eine Komponente des Luftansaugsystems. Er besitzt einen Saugkanal der mit einer Klappen (Regelklappe) bestückt ist. Er wird am Saugrohr Im Motorraum befestigt.

Die Leistungsregelung eines Ottomotors erfolgt üblicherweise durch Drosselung der Luftmenge im Gemisch (Luft/Kraftstoff) mittels eines Drosselklappenstutzen (DKS)

Durch das Betätigen des Gaspedals bewirkt der Fahrer eines Kraftfahrzeuges eine Änderung der Klappenlage und somit eine Änderung des Ansaugquerschnitts im DKS. Damit wird die Leistung des Motors nach Bedarf geregelt .Am DKS werden Signale d.h Informationen entnommen, die andere Fahrzeugelementen, wie zum Beispiel Zündverteiler, über den Lastzustand des Motors liefern.

AH: Was denkst Du über unsere algerische Industrie?

Erfinder Rachid Khelifati:

Welche ? Gibt es eine? Mir ist davon nichts bekannt.

Alles was ich weiß, nichts wird lokal produziert geschweige entwickelt, obwohl wir über alles was notwendig ist, verfügen. Geld ist da, Arbeitskräfte auch. Fachkräfte waren da, heute nicht mehr wie gewünscht.

Das mangelt an Initiativen. Importieren ist leichter. Im Grunde genommen ist das Verschwendung der nationalen Ressourcen. Und das in alle Hinsichten

AH: Große Unternehmen wie Cevital arbeiten doch effizient und exportieren sogar.

Erfinder Rachid Khelifati:

Das wäre vielleicht die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

AH: Deiner Meinung nach, was konnte man selbst produzieren?

Erfinder Rachid Khelifati:

Alles ist machbar. Die Europäer oder die Asiaten sind nicht intelligenter als wir. Wie man so schön sagt „sie kochen auch nur mit Wasser“. Sie sind aber disziplinierter und fleißiger als wir, eine Tugend die bei den meisten von uns leider fehlt.

Schau Dir die Japaner oder die Koreaner an, in den 50e-60er Jahren hatten sie nichts anzubieten. Heute haben sie den Weltmarkt sowohl mit Elektronik als auch mit ihren Fahrzeugen erobert.

AH: Ein algerisches Auto auch?

Erfinder Rachid Khelifati:

Natürlich. Die Entwicklung eines Personenkraftfahrzeuges ist nicht etwas unmögliches das nur den Europäer, Asiaten und Amerikaner vorbehalten ist. Wir konnten in den 70er Jahren und davon bin ich überzeugt als erstes arabisches und afrikanisches Land mit einem eigenen Kraftfahrzeug sein.

Wir wären das Japan von Afrika!

Danach war einfach jede Planung sehr schlecht. Man hat es mit der Metro erlebt.

Der Zug ist heute abgefahren und wir haben den Anschluss verpasst. Also bleibt nur das Weiter so, Importieren bis wir keine Mittel mehr dazu haben.

AH: Warum ist denn „der Zug abgefahren“?

Erfinder Rachid Khelifati:

Schau Dir die heutige Generation an. Schulbildung null. Pseudoabiturienten die noch nicht mal einen Brief korrekt verfassen können. Alles woran, man denkt nur an das Business.

Das schnelle Geld, das ist alles was heute zählt! Mit wem soll man was aufbauen?

Schau Dir auch Algier von heute an. Das ist das Spiegelbild der heutigen Gesellschaft.

Eine Automobilindustrie ist ein komplexes Netzwerk von verschiedenen Firmen und Zulieferer mit hervorragender Logistik. Firmen, die auf Qualität und Termineinhaltung sorgsam achten. Jeder Mitarbeiter in diesem Netzwerk trägt mit seinem Einsatz zum Erfolg seiner Firma bei.

Der Erfolg seiner Firma ist im Endeffekt sein Erfolg. So denkt man zumindest hier in Europa oder in Asien.

AH: Am 15 September 2014 fand in Hamburg ein Treffen mit deutschen und algerischen Unternehmen. Wurdest Du eingeladen, daran teilzunehmen?

Erfinder Rachid Khelifati:

Ich habe durch AH davon erfahren. Nein ich wurde nicht eingeladen. Ich hätte gern mit dem ANDI-Geschäftsführer gesprochen. Vielleicht hätte man mit meiner Erfindung via meine Firma etwas erreichen können, eventuell einen Partnerschaftsvertrag später unterschrieben, da Algerien über sehr viel Geld verfügt und die Wirtschaft ankurbeln will. Ich habe Deinen Artikel „ Die vergessene algerische Diaspora im deutschsprachigen Raum“ gelesen, den ich sehr gut fand. Du sprachst von 262 Mrd. USD Investitionen beim Fünfjahresplan 2015-2019.

Ich muss dazu auch sagen, dass ich seit 44 Jahren in Berlin lebe und ich wurde von der algerischen Botschaft nie zu einer Veranstaltung eingeladen, nicht Mal an den nationalen Feiertagen wie der 5. Juli oder 1. November.

AH: Nicht einmal, unglaublich! Du hättest dem Botschafter schreiben können.

Du hast aber nichts versäumt. Ich wurde jedes Jahr eingeladen, aber ich würde nicht mehr an solchen Treffen teilnehmen, denn es müssen auch anderen Algerier und Algerierinnen eingeladen werden. Beim 5. Juli erhalten unsere Repräsentanten kein Zuschuss von der Regierung, soviel ich weiß, obwohl reichlich Geld vorhanden ist. Aber für den 1. November erhalten alle algerischen Botschaften der großen Weltmetropole Geld dafür. Aber an diesem Tag gibt es für die Botschafter eine Priorität: sie müssen auch die Diplomaten einladen, im Hotel Maritim oder wo anders.

Es waren fast immer ca. 25 Algerier für ca. 250 Ausländer. Aber so was muss sein! Hier muss ich der Botschaft Recht geben. Eine diplomatische Repräsentanz muss für Algerien werben können.

Was man aber machen kann, wäre eine andere Veranstaltung für die algerische Gemeinschaft, wie der ehemalige Botschafter, S.E. Herr Mourad Bencheikh, es früher getan hat. Aber glaube mir, man braucht nicht eine Botschaft, um einmal pro Jahr, den 5. Juli oder den 1. November zu würdigen. Das können wir allein machen. Darüber zu reden ist Zeitverschwendung!

AH: Wir kennen uns nun seit 44 Jahren. Wir haben uns aber seit Jahren nicht mehr gesehen. Hast Du engere Kontakte mit unseren algerischen Freunden?

Erfinder Rachid Khelifati:

Um ehrlich zu sein, etwas weniger als früher.

Als der algerische Kulturverein in Berlin aktiv war, haben wir uns doch wöchentlich getroffen.

Wir haben schöne Kulturabende erlebt. Es wurden Veranstaltungen über das algerische Theater, algerisches Kino (u. a. Vorführung des Films „La Bataille d´Alger“), über Journalismus usw. organisiert. Da war auch Missoum Boumedienne ziemlich aktiv, Allah Yarahmou!

Es gab dort eine gute Stimmung und gutes algerisches Essen anlässlich des 5. Juli und 1. November.

Als Kulturbeiratsmitglied beim Senat, hast Du algerische Projekte dazu verholfen, sie zu konkretisieren, in dem Musikabende mit dem algerischen Gruppe El Andarab, Lamine Belaala, mit Momo Djender, mit Mokhtar stattgefunden haben. Die gute alte Zeit!

Und dann als Du nach Algerien gingst, um dort all die Jahre zu arbeiten, war nichts mehr vorhanden.

Der Deutsch-Algerische Kulturverein e.V. mit Sitz im Kulturhaus Schönberg hatte aufgehört zu existieren. Wir haben nun nicht Mal ein algerisches Restaurant in Berlin. Wir müssen etwas tun!

AH: Auf Initiative von Algerien Heute werden in kürzester Zeit, das Datum kann sich jede und jeder, die/der sich etwas näher mit Algerien Heute beschäftigt hat, ausrechnen, zwei neue deutsch-algerische Vereinigungen, Dar El Djazair (siehe www.dar-el-djazair.com) und die Vereinigung der deutsch-algerischen Akademikerinnen und Akademiker im deutschsprachigen Raum (siehe www.deutsch-algerische-akademiker.org) gegründet.

Würdest Du uns als Mitglied und/oder im Vorstand unterstützen?

Erfinder Rachid Khelifati:

Wenn Du dabei bist, bin ich gerne dabei

AH: Vielen herzlichen Dank, Herr Rachid Khelifati!

Als Autor dieses Artikels kann ich noch hinzufügen, dass ich Herrn Khelifati seit 1970 kenne. Der Erfinder ist etwas zurückhaltender, hat wenig Kontakte und war stets bemüht solidarisch zu sein zu den wenigen unserer Landsleute, die er in Berlin kennt. Er geht auch regelmäßig wählen weil er meint, dass man nur dadurch etwas friedlich verbessern kann.

"Das Glück ist die Harmonie, in der wir zu den Dingen, die uns umgeben, stehen!"

Das Interveiw mit dem algerischen Erfinder in Berlin fürhte der Autor Abdelhamid Berrahma selbst.

... Fortsetzung folgt

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